Wenn der Nachfolger fehlt: Nichtanlage von Zähnen

07.04.2022

Für Zahnlücken sind nicht immer Unfälle oder zu weit auseinander stehende Zähne verantwortlich. Manchmal sind Zähne von Natur aus gar nicht erst angelegt. Was die Ursachen für solche Nichtanlagen sind, welche Folgen sie haben und wie die Behandlung aussieht.

Prominentes Beispiel für angeborene Nichtanlagen ist der deutsche Schauspieler Jürgen Vogel. Bei ihm wurden die oberen seitlichen Schneidezähne einfach „vergessen“ – eine Laune der Natur, die heute mindestens genauso berühmt ist, wie der Schauspieler selbst. Doch, während der ästhetische Makel in diesem Einzelfall zum Markenzeichen wurde, leiden die meisten hingegen sehr unter ihren fehlenden Zähnen. Hinzu kommt der Fakt, dass eine Nichtanlage nicht nur die Ästhetik, sondern vor allem auch die Funktion des Gebisses negativ beeinflussen kann. Von daher ist hier große Wachsamkeit geboten. Bei Verdacht auf Nichtanlagen sollte man rechtzeitig die Diagnose stellen und die Weichen für das Wachstum und die langfristige Therapieplanung stellen.

Natürlich fehlende Zähne durchaus keine Seltenheit

Lückenöffnung oder Lückenschluss bei Nichtanlagen
Zahnlücke durch Nichtanlage I Quelle: intern

Angeborene Nichtanlagen von Zähnen sind keinesfalls selten, sondern eine der häufigsten zahnmedizinischen Fehlbildungen. Etwa 5,5 Prozent der Bevölkerung sind von einer Unterzahl der Zähne, einer sogenannten Hypodontie betroffen, Frauen häufiger als Männer. Das Milchgebiss ist seltener betroffen als das bleibende Gebiss. Nichtanlagen werden daher in der Regel im Wechselgebiss, also zwischen 6 und 14 Jahren bemerkt. Meist ist dann der untere zweite kleine Backenzahn (Prämolar) betroffen, gefolgt vom oberen seitlichen Schneidezahn und dem zweiten kleinen Prämolaren im Oberkiefer. 

Was sind die Ursachen für Nichtanlagen von Zähnen?

Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen Zähnen, die von vornherein nicht angelegt sind, und Zähnen, die nicht durchbrechen oder deren Keime verkümmert sind. Bei von vornherein nicht angelegten Zähnen gibt es zum einen genetische Ursachen. In diesem Fall beobachtet man oft eine Häufung in der Familie. Eine Nichtanlage kann aber auch multifaktorielle Ursachen haben und die Folge einer Krankheit oder Teil einer Fehlbildung sein. Zu einer Unterzahl von Zähnen kann es auch durch einen Unfall (Trauma) oder im Kiefer verlagerte Zähnen kommen, die nicht eingeordnet werden können. 

Wie sieht die Behandlung von Nichtanlagen aus?

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Lücke auf oder Lücke zu. Lücken durch nicht angelegte Zähne im Ober- und Unterkiefer können mittels Kieferorthopädie entweder für eine (spätere) prothetische Versorgung offengehalten oder weiter geöffnet werden, wenn durch Aufwanderung der Zähne die Lücken teilweise geschlossen wurden. Oder aber man schließt die Lücke durch eine kieferorthopädische Behandlung, indem die Nachbarzähne den nicht angelegten Zahn ersetzen. Dies kann mit herausnehmbaren Therapiegeräten (z. B. Aligner) sowie festsitzenden Apparaturen (Brackets) geschehen. 

Für die prothetische Versorgung kommt als Langzeitversorgung in der Regel ein Implantat in Frage. Bei Jugendlichen wird bis zum optimalen Implantatzeitpunkt nach Abschluss des Wachstums, im Frontzahnbereich meist eine Klebebrücke (Maryland-Brücke) eingesetzt. Bei fehlenden Zähnen im Seitenzahnbereich werden ebenfalls Implantate als Ersatz der Zähne eingesetzt. Selten kommt eine Brücke oder eine herausnehmbare Prothese zum Einsatz.

Was spricht für und gegen den Lückenschluss bei Nichtanlagen?

Für einen kieferorthopädischen Lückenschluss sprechen ein deutlich geringerer prothetischer Aufwand, da kein Zahn ersetzt werden muss. Im Anschluss an eine kieferorthopädische Therapie ist meist keine aufwendige Behandlung beim Zahnarzt mehr notwendig. Außerdem fallen die Kosten für Brücken, Implantate oder anderen Zahnersatz weg. Die kieferorthopädische Behandlung zum Lückenschluss bei Nichtanlagen wird von der gesetzlichen Krankenkasse bezuschusst, da die Kriterien für die KIG-Einstufung erfüllt sind. Wird z. B. im Oberkiefer ein Eckzahn in die Lücke eines nicht angelegten seitlichen Schneidezahns bewegt, muss im Nachgang meist nur noch die Eckzahnoptik ästhetisch angepasst werden (Formoptimierung mittels Komposit oder Veneers). Inwieweit auf die Extraktion von Weisheitszähnen verzichtet werden kann, wenn Lücken von fehlenden Zähnen im Seitenzahnbereich geschlossen werden, muss individuell geklärt werden. 

Um funktionelle oder ästhetische Probleme zu vermeiden, wird häufig das Setzen von kieferorthopädischen Mini-Implantaten erforderlich. Diese ermöglichen eine sogenannte “skelettale Verankerung”, die dann beispielsweise einen ausschließlichen Lückenschluss von hinten nach vorne erlaubt. Die bekannten Nachteile des Lückenschlusses wie Verkleinerung des Zungenraums oder die Abflachung des Gesichtsprofils lassen sich mit den Mini-Implantaten zuverlässig vermeiden. 

Als Nachteil lassen sich die höheren Behandlungskosten für den skelettal verankerten Lückenschluss nennen.  Mini-Implantate sind keine Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung  und müssen entsprechend vom Patienten selbst getragen werden. 

Was spricht für und gegen Lückenöffnung bei Nichtanlagen?

Schaut man sich die Vorteile einer kieferorthopädischen Lückenöffnung an, so sind hier die anatomisch korrekt bleibenden Positionen der angrenzenden Zähne zu nennen. So stehen die Nachbarzähne nach erfolgter Lückenöffnung noch immer an der Stelle im Zahnbogen, die Mutter Natur für sie vorgesehen hat. Das funktionelle Gleichgewicht kann rekonstruiert werden und funktionelle Einschränkungen durch ein verändertes Ineinandergreifen der Zähne (Okklusion) mit Langzeitfolgen vermieden werden. 

Auf die Kontra-Liste gehören die mit dem Ersatz der Zähne verbundenen Kosten sowie die spätere Notwendigkeit der Eingliederung eines Implantats mit dem entsprechenden Zahnersatz. Wurde in jungen Jahren eine Lücke geöffnet, muss diese bis zum Abschluss des Wachstums offengehalten werden – etwa mit Retentionsplatten („Nachtspange“),  in die provisorische Kunststoffzähne eingearbeitet wurden oder durch Klebebrücken. Erst nach Wachstumsabschluss kann die Lücke endgültig prothetisch versorgt werden, z.B. mit einem Implantat. Häufig ist das Knochenangebot für das Setzen der Implantate dann reduziert. 

Implantate zum Ersatz von Nichtanlagen
Implantat als Ersatzzahn bei Nichtanlagen I Quelle: unsplash

Therapiewahl ist schwierige & individuelle Entscheidung 

Welche Behandlungsmaßnahmen letztlich ergriffen werden, ist eine Entscheidung, die Patient bzw. Eltern, Kieferorthopäde und Zahnarzt gemeinsam treffen sollten. Denn nur, wenn alle Aspekte berücksichtigt, die kieferorthopädischen Optionen (Lücke auf oder zu) sowie prothetischen Möglichkeiten mit Vor- und Nachteilen besprochen wurden, lassen sich optimale Ergebnisse erzielen. In die Entscheidungsfindung fließen dabei die Ästhetik, aber auch wichtige Faktoren wie das Alter des Patienten, die Kaufunktion sowie die Zahn- und Knochenverhältnisse ein. Die Entscheidung fällt oft schwer, da sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt getroffen werden muss, wenn die Langzeitprognose noch nicht richtig eingeschätzt werden kann. Die für das Kind getroffene Wahl begleitet ist meist ein Leben lang. 

Wichtig ist in jedem Fall, das die Gebiss-Situation frühzeitig und regelmäßig kontrolliert wird, damit eine Nichtanlage frühzeitig erkannt, entsprechend beurteilt, Risikofaktoren abgewogen und erforderliche kieferorthopädische Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden können. Trotzdem muss nicht sofort nach Diagnosestellung eine kieferorthopädische Behandlung notwendig werden.

Wir empfehlen in den meisten Fällen jedoch den kieferorthopädischen Lückenschluss, wobei dann häufig Mini-Implantate erforderlich werden. Aus unserer Sicht ist die nachhaltigste Versorgung einer Lücke noch immer ein eigener Zahn.

Quellen

  • Das Gesundheitsportal medondo.health
  • Bückmann B: Kieferorthopädie. 2009. Stiftung Warentest. Berlin. S. 23-25.
  • „Empfehlenswerte Zeitpunkte kieferorthopädischer Untersuchungen“. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie. März 2007. 
  • Goldbecher H, Boeckler AF: Fehlende seitliche Schneideähne – Lückenschluss oder Lückenöffnung? Kieferorthopädie Nachrichten. 2020:5:14-17.
  • Jamilian A, Perillo L, Rosa M: Missing upper incisor: a retrospective study of orthodontic space closure versus implant. Prog Orthod. 2015 Feb 25;16:2.
  • Kahl-Nieke B: Überarbeitung der Stellungnahme „Optimaler Zeitpunkt für die Durchführung kieferorthopädischer Maßnahmen (unter besonderer Berücksichtigung der kieferorthopädischen Frühbehandlung). 2018. 
  • Rakhshan V: Congenitally missing teeth (hypodontia): A review of the literature convering the etiology, prevalence, risk factors, patterns and treatment. Dent Res J (Isfahan). Jan-Feb 2015;12(1):1-13.
  • „Zahnimplantatversorgungen bei multiplen Zahnnichtanlagen und Syndromen“. S3-Leitlinie (Langversion). Stand: Dezember 2016. Hrsg. von der Deutschen Gesellschaft für Implantologie im Zahn-, Mund- und Kieferbereich (DGI), Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), etc. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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